Ordnung ist Ansichtssache
Die Aufräum-Expertin Jessica Habermann beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Ordnung – und mit dem, was dahintersteckt.
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Spätestens mit Marie Kondo wurde Ordnung zum Trend. Wer aber denkt, dass man Ordnung generell definieren kann, liegt falsch. Sie ist ein Anspruch an uns selbst und hängt mit ganz eigenen Interpretationen zusammen, weiß Aufräum-Expertin Jessica Habermann.
Ordnung soll uns unterstützen, nicht beherrschen.
Seitdem sie denken kann, hat Jessica aufgeräumt, was sie irgendwann als zwanghaft erkannte und therapierte. Daraus hat sie viel gelernt und die Ordnung letztendlich zu ihrem Beruf gemacht.
Jessica kann einiges über das Thema Ordnung erzählen. Sie besucht Menschen zu Hause, um eine unliebsame Ecke, ein nicht mehr genutztes Zimmer oder auch ein ganzes Haus aufzuräumen. Mittlerweile bietet sie auch einen Online-Kurs an. Dabei nimmt Jessica psychologische Aspekte in den Blick, weil die viel über die Ordnung aussagen, die wir halten – oder eben nicht halten. In einem Interview gibt sie uns Einblicke.
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Macht dir Aufräumen Spaß?
Ja! Aufräumen ist für mich sehr befriedigend.
Für mich selbst musste ich erst lernen, Dinge auch mal liegen zu lassen, ohne dass es mein Wohlbefinden stört – und auch das tut gut. Denn am Ende kommt das Verlangen nach Ordnung aus jedem selbst heraus. Ordnung und Unordnung haben etwas mit einem inneren Gefühl zu tun, worüber wir uns definieren. Es sind Schutzmechanismen – Perfektion wie auch völlige Selbstaufgabe seines Umfeldes in punkto Ordnung oder Unordnung. Wir kompensieren damit etwas, wie zum Beispiel Stress mit dem Umfeld oder mit dem eigenen Leben.
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Kann man Ordnung halten lernen oder ist das eine Typ-Frage?
Ja, definitiv. Auch wenn man beim Heranwachsen zu Hause nicht gelernt hat, für Ordnung zu sorgen, kann man das später noch. Einige unterschätzen dabei aber, dass es ein Lernprozess ist und man darin geduldig sein darf – und dass es dabei nicht nur um Ordnung, sondern auch um Psychologie geht.
Jeder weiß, dass man für Selbstliebe Zeit und Geduld braucht, aber bei Ordnung geht jeder davon aus, dass man das mal eben schnell lernen kann. Das kann funktionieren, zum Beispiel bei emotionslosen Themen wie Dokumentenablage. Aber auch dazu gehört eine Disziplin, eine innere Stabilität, um dann letztendlich alles regelmäßig abzuheften, besonders, wenn man dafür keine Leidenschaft hat.
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Warum fällt es einigen Menschen schwer, sich von unnötigem Ballast zu befreien – und anderen nicht?
Was ist unnötig? Das ist sehr subjektiv, denn jeder liebt unterschiedliche Dinge aus unterschiedlichen Gründen. Beim Aufräumen mit meiner Tochter sind wir zum Beispiel mal auf ein Stofftier gestoßen, zu dem sie meinte: „Das kann weg!“ Ich konnte das nicht glauben. Für mich hingen an dem Stofftier Emotionen und Erinnerungen, sodass ich es am Ende selbst aufbewahrt habe.
Menschen, die alles sammeln, haben manchmal Verlustängste. Einige definieren sich auch über die Dinge, die sie haben. Und dann gibt es Leute, besonders ältere Generationen, die Sachen ganz anders wertschätzen. Sie waschen zum Beispiel Kartoffelsalat-Behälter aus, um sie weiterzuverwenden, weil Plastik früher selten war. Auch dabei kann sich einiges ansammeln.
Viele oder wenige Emotionen wirken sich auf unsere Ordnung aus.
Balance ist wichtig. Zu viele oder zu wenige Emotionen oder Verknüpfungen zu Dingen wirken sich auf unsere Ordnung aus. So kann es kommen, dass man zwanghaft Dinge sammelt – oder auch wegschmeißt, was dann eher in Richtung Kontrollmechanismus geht.
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Belastet Besitz? Wenn ja, wann geht das los?
Wenn das, was ich habe, sich wie Ballast anfühlt und ich einen Leidensdruck dadurch empfinde, dann ist Besitz belastend. Auch ein Haus, eine Wohnung oder Einrichtung kann sich wie Ballast anfühlen, wenn ich eigentlich ganz anders leben will.
Das Gefühl hängt von jedem einzelnen ab. Es gibt Minimalist*innen, die glücklich mit einer Gabel sind. Aber auch Menschen mit viel Besteck können damit total zufrieden sein. Da muss jeder individuell schauen, womit man sich wohlfühlt und sollte sich keinen Lebensstil aufzwingen. -
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Wie starte ich am besten mit dem Aufräumen?
Wichtig ist, langsam zu starten. Der häufigste Fehler ist, dass man viel zu viel auf einmal schaffen will und so verlagert sich das Problem: Dann gibt es oft auf einmal mehr Baustellen als vorher und man ist zu erschöpft, um es zu Ende zu bringen. Diese unerledigten Sachen ziehen viel Energie.
Ordnung beginnt im Kopf.
Werte, Erinnerung und Emotionen spielen auch eine Rolle beim Aufräumen, um die Dinge für sich vor dem Aufräumen zu bewerten. Eine andere Sache ist aber, das gesamte Vorhaben bis zum Ende zu durchdenken, sich einen Plan zu machen. Es beginnt also im Kopf.
Manchmal kaufen Menschen schon Boxen oder Regale, ohne sich vorher überlegt zu haben, was da rein soll und wo die am Ende Platz haben. -
Wie kann ich dann konkret vorgehen, um Ordnung zu schaffen?
Vielen geht es oft nur ums Aufräumen und um Routinen, die Ordnung halten sollen. Dabei sind Aufräumen und Ordnung eigentlich verschiedene Dinge. Ordnung ist die Grundlage und steht an erster Stelle: Wo haben die Dinge ihren festen Platz? Zum Beispiel in einem Schrank oder in einer Box? Dann kommt das Aufräumen: Die Sachen werden von A nach B verstaut, wo sie ihren festen Platz haben. In diesem Zuge kann auch aussortiert werden – vor allem, wenn man merkt, dass nicht genügend Stauraum dafür da ist. Und zum Schluss kommt das Putzen, was dann natürlich viel einfacher ist.
Wenn einem Lust, Zeit, Energie oder auch das strukturierte Vorgehen fehlen, aber der Zustand des Zuhauses einen belastet, dann sollte man sich das eingestehen und um Hilfe bitten.
Ich hole mir ja auch Hilfe, wie bei Friseur*innen oder Zahnärzt*innen. Wir können nie alles allein können. -
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Was erleichtert das Weggeben von Sachen?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es tatsächlich Menschen gibt, die keinerlei Freude empfinden, sich von Sachen zu trennen. Die spüren dann keine Erleichterung, sondern tiefe Traurigkeit. Auch hier kommt wieder die Psychologie ins Spiel, wenn man das genauer ergründen will.
Den meisten fällt es viel leichter, Dinge loszulassen, wenn sie verschenkt oder gespendet werden.
Ganz einfach, weil sie dann noch weiterverwendet werden oder einem guten Zweck dienen, statt in die Tonne zu kommen. Es ist doch sehr menschlich, sich darüber zu freuen, oder?





