„Ich brauche kein Rampenlicht“

Rocky Votolato ist Singer-Songwriter aus Seattle und derzeit auf Europatournee. Seine Musik ist geprägt von der Independent-Szene des amerikanischen Nordwestens – seine Songs wunderbar traurig-schöne Balladen. 2006 gelingt ihm mit dem Album Makers der Durchbruch und er kann allein von seiner Musik leben.

Am 22. Februar 2016 tritt Rocky im Oxfam MOVE Berlin auf und spielt einige Songs aus seinem aktuellen Album Hospital Handshakes. Kurz vor Tourneestart haben Anne Prachtel und Sabine Gernemann mit dem sympathischen 38-Jährigen über Songtexte, Secondhand-Klamotten, freiwilliges Engagement und die Magie kleiner Konzerte gesprochen.

Oxfam: Heute startest Du Deine Europa-Tour in Stockholm. Freust Du Dich?

Rocky Votolato: Ja! Ich glaube, es wird großartig! Ich freue mich darauf, wieder eine Weile in Europa sein zu können, mit den Leuten Spaß und eine tolle Zeit zu haben.

Was hast Du gemacht, bevor Du Musiker geworden bist?

Bevor Musik mein „Vollzeitding“ wurde, hatte ich viele verschiedene Jobs. Ich habe englische Literatur in Washington studiert und dann für ein Landschaftsgärtnerei-Projekt der Uni gearbeitet. Außerdem war ich auf dem Bau und in der Gastronomie beschäftigt. Längere Zeit habe ich Software für ein Unternehmen verkauft. Glücklicherweise hatte ich immer genug Zeit, um nebenher meine Musikkarriere zu verfolgen, zu touren und eine Fangemeinde aufzubauen. Als 2006 mein viertes Album Makers rauskam, lief es so gut, dass ich keine anderen Jobs mehr brauchte.

Vermisst Du es, keinen normalen Job zu haben?

Nein. (lacht) Musiker sein ist ein normaler Job. Es ist eine Arbeit wie jede andere mit vielen herausfordernden und schwierigen Phasen. Ich bin unheimlich dankbar, für Leute singen zu können. Das ist genau das, was ich immer machen wollte.

Musiker war also schon immer Dein Traumberuf?

Ja. Ich habe schon mit acht Jahren davon geträumt, Musik zu machen. Mein Onkel kam manchmal zu uns und hat Akustik-Gitarre gespielt. Das hat mich begeistert und beeinflusst. Ich habe die Beatles bewundert und auch Folk-Musiker wie Bob Dylan oder Cat Stevens.

Woher kommen die Ideen für Deine Songs – sind Deine Texte politisch?

Auf meinem dritten Album Suicide Medicine gibt es den Song Automatic Rifle, darin geht es um den israelisch-palästinensischen Konflikt. Er erzählt die wahre Geschichte eines Mädchens, das zu einer Selbstmörder-Mutter wurde. In den Vereinigten Staaten hat das für Schlagzeilen gesorgt, denn es war schockierend, dass eine so junge Frau dazu imstande ist. In meinem Song versuche ich zu verstehen, wie es dazu kommen kann, dass jemand so beeinflusst wird, dass es tödlich endet.

Früher hat mich Politik oft betroffen gemacht. Aber es nützt nichts, ständig wütend zu sein oder sich Sorgen zu machen. Heute bin ich mehr darauf fokussiert, was mich persönlich bewegt. Meine Familie inspiriert mich, ich schreibe beispielsweise Liebeslieder. (Rocky ist seit zehn Jahren mit seiner Frau April verheiratet, sie leben zusammen mit ihren beiden Kindern.)

Backstage setze ich mich aber weiter für die Dinge ein, an die ich glaube. Ich wünsche mir innig weniger Konflikte und mehr Frieden, eine Art Bruderschaft zwischen den Menschen. Dies war schon immer so und hat sich in meiner Zeit als Songwriter nicht verändert.

Tauschst Du Dich mit Deinen Fans über solche Themen aus?

Auf jeden Fall, wer mit mir über das wahre Leben und ernste Themen sprechen möchte, kann das tun. Ich spreche gerne mit meinen Fans – ich lerne viel von ihnen.

Alle Teams in den Oxfam Shops sind Freiwillige. Sie unterstützen Oxfam mit ihrem ehrenamtlichen Engagement. Hast Du Dich auch schon mal engagiert?

Es ist wirklich toll, was ihr von Oxfam alles voranbringt. Ich habe mich bei lokalen Umweltorganisationen engagiert und beispielsweise Bäume angepflanzt. Abgesehen von Oxfam unterstütze ich auch die ArborDay Foundation. Der Klimawandel und seine verheerenden Folgen für die Menschen sind zu meiner Herzensangelegenheit geworden.  

Jeder sollte sich für etwas einsetzten, an das er glaubt. Etwas anpacken, womit man Einfluss ausüben und seine Zeit sinnvoll nutzen kann. Freiwilliges Engagement ist auch persönlich wertvoll. Das Glück, das man erfährt, wenn man etwas zurückgeben kann, das ist das größte Geschenk.

Ganz anderes Thema: Trägst Du Secondhand-Kleidung?

Meistens trage ich nur Secondhand-Sachen. (lacht)

Weil Du nachhaltig sein möchtest?

Die Nachhaltigkeit ist dabei ein Bonus. Ich trage Secondhand-Kleidung, weil es mir gefällt. Ich mochte es schon immer, mich im Stil der 60er und 70er zu kleiden. Alte Western-Shirts gehören zu meinen Lieblings-Sachen.

Du gehst also gern shoppen?

Nein, nicht wirklich. (lacht) Grundsätzlich steht Einkaufen nicht gerade ganz oben auf meiner Liste. Aber wenn ich einkaufe, dann in Secondhand-Läden. Mit Klamotten habe ich eine Art Liebes-Hass-Beziehung. Ich habe gerne Kleidung, die mir gefällt, möchte aber nicht viel darüber nachdenken müssen. Aber wenn es um Musik geht, kaufe ich sehr gerne ein – Gitarren beispielsweise …

Du bist viel in Clubs oder auf Festivals zu sehen, machst aber auch sogenannte Living Room Shows und diesen Monat spielst Du im Oxfam MOVE Berlin. Wie ist es für Dich, in einem kleinen Raum mit wenigen Leuten aufzutreten?

Ich spiele dann nur Akustik-Gitarre. Ich brauche kein Mikrofon, kein Rampenlicht und keine Bühne – und das macht es sehr authentisch. Es gibt eine besondere Energie in einem kleinen Raum mit nur fünfzig Leuten. Man ist den Menschen sehr nah und teilt die Musik mit ihnen. Ich liebe es. Auch wenn ich natürlich gerne in Clubs oder auf Festivals auftrete, ist meine Begeisterung für die Living Room Shows mit der Zeit immer mehr gewachsen.

Wie funktionieren die Living Room Shows? Müssen sich die Leute dafür bewerben?

Ja. Ich arbeite dafür mit Undertow Music zusammen – die sind in der Nähe von Chicago und großartig. Wir geben die Orte bekannt, an denen wir spielen möchten und verbreiten es über Social Media. Die Leute schicken uns dann Bilder von ihren Wohnzimmern, in die sie einladen wollen. Die besten werden ausgesucht und kontaktiert. Alles funktioniert über Mundpropaganda – Werbung braucht man nicht. Wer kommen möchte, erfährt die Adresse, sobald er ein Ticket gekauft hat.

Menschen, die sich eigentlich nicht kennen, kommen aus einem gemeinsamen Grund zusammen und treffen sich wie Freunde. Das ist cool, denn darum geht es doch in der Musik und es macht wirklich Spaß, das kann ich Euch sagen. (lacht)

Bei Deinem letzten Besuch im Oxfam Shop hast Du ein Buch von Hermann Hesse gespendet. Was wirst Du diesmal mitbringen?

Ich habe noch nicht endgültig entschieden, was ich mitbringe. Es wird auf jeden Fall eine Überraschung. (lacht)

Gibt es etwas, das Du Deinen Fans und den Freiwilligen von Oxfam sagen möchtest?

Ja. Danke, dass Ihr von Oxfam Euch für eine bessere Welt einsetzt!
Ich habe in meinem Leben gelernt, dass alles, was wir tun, von Belang ist. Jeder von uns kann etwas bewirken, wenn er sich für die Dinge stark macht, an die er glaubt. Oft macht das mehr aus, als uns klar ist.

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