Secondhand-Shirts statt Neuware: AnnenMayKantereit setzt beim Merchandising auf Nachhaltigkeit und kooperiert mit den Oxfam Shops.
Die Band spricht im Interview über ihr neues Album, das in der Corona-Zeit entstanden ist, über Ungleichheit und Veränderung.

Letztes Jahr war ein außergewöhnliches Jahr – vor allem wegen der Pandemie. Neben vielen Schlechten Nachrichten gab es jedoch auch ein paar gute wie die Veröffentlichung eures neuen Albums. Und es gab eine Premiere: AnnenMayKantereit und die Oxfams Shops arbeiten erstmals zusammen. Erzählt doch mal davon!

Eine Zusammenarbeit mit Oxfam haben wir uns schon lange gewünscht und uns sehr gefreut, dass es zum Album „12“ geklappt hat. Wir haben aus den Oxfam Shops ein paar hundert schlichte Shirts in verschiedenen Farben und Größen bekommen und sie mit unserem Motiv und der Tracklist bedruckt. Die sehen super aus – jedes ist ein Unikat! Das Beste: Wir mussten keine neuen T-Shirts produzieren lassen.

Ein tolles Beispiel für nachhaltiges Merchandising. Das gab es so bei einer deutschen Band noch nicht. Was findet ihr persönlich cool an Secondhand – und wie kommen die Shirts bei euren Fans an?

Secondhand finden wir grundsätzlich super! Nicht nur bei Kleidung: So vieles wird im Überfluss und damit direkt für die Tonne produziert. Gleichzeitig wird Etliches, was noch toll aussieht und funktioniert, weggeschmissen. Das passt doch nicht zusammen! Zu den T-Shirts haben wir total positive Rückmeldungen zu bekommen: Die Leute wissen, dass es ihr Shirt so nur ein einziges Mal gibt und finden das cool.

Die 55 Oxfam Shops in Deutschland werden von Ehrenamtlichen betrieben, die für eine Schicht pro Woche die Läden schmeißen – wofür engagiert ihr euch?

Wir haben Ende vergangenen Jahres ein Konzert für Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée gespielt. Wie so viele Konzerte 2020 ohne Publikum, sondern nur im Live-Stream. Das hat aber trotzdem sehr viel Spaß gemacht.

Ihr habt euer neues Album „12“ während des ersten Lockdowns geschrieben. Der Tagesspiegel fand, dass der Sound die Stimmung während der Pandemie gut trifft. Wie ist eure Stimmung jetzt – nach weiteren Monaten mit Corona, einem zweiten Lockdown und ohne Auftritte?

Langsam vermissen wir es, unterwegs zu sein. Uns fehlen die Menschen auf unseren Konzerten und unsere Crew. Größere Veranstaltungen werden jedoch als letztes wieder möglich sein. Da müssen wir einfach durch – umso schöner werden die ersten Konzerte werden!

Die neuen Songs sind keine reinen Wohlfühllieder. Im Gegenteil: Ihr seid in etlichen Titeln politisch. War es ein Muss, in der Corona-Krise musikalisch solche Töne anzuschlagen?

Wir haben uns nicht vorgenommen: Jetzt machen wir mal unbequeme Songs. Wir haben uns im Frühjahr einfach hingesetzt und angefangen zu schreiben. Dabei sind diese Lieder herausgekommen. Politisch sollte man aber nicht erst seit 2020 sein: Dafür gab es schon immer genug Anlass. 

Und den gibt es noch. Ihr singt, es sei nicht fünf vor, sondern schon „12“ – höchste Zeit für Veränderungen. Was würdet ihr sofort ändern?

Was jetzt auf jeden Fall passieren muss, ist eine schnellere Abkehr von fossiler Energie. Wir zerstören die Welt immer schneller und unumkehrbarer. Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. 

A propos Gerechtigkeit: Was müsste sich zum Beispiel mit Blick auf die Ungleichheit, die durch die Pandemie noch stärker wächst, zum Besseren wenden?

Die Menschen, die es sich leisten können, oder die, die während der Pandemie vielleicht sogar noch sehr viel reicher geworden sind, müssten ihren Beitrag dazu leisten, dass diese Ungleichheit aufgefangen wird. Wie wäre es zum Beispiel mit einer „Corona-Abgabe“ für Millionärinnen und Millionäre?! Von solchen Dingen hört man leider viel zu wenig in den Debatten. Politikerinnen und Politiker sollten die extremen Ungleichheiten, was zum Beispiel den Zugang zu Gesundheit, Bildung und Kultur angeht, in Zukunft stärker auf dem Zettel haben. 

Schon im Song über die „Weiße Wand“ habt ihr das Musikalische politisch und das Thema Rassismus zum Songinhalt gemacht: „Ich bin jung und weiß in einem reichen Land“. Ein Privileg, na klar – aber auch Verpflichtung?

Der Song soll vor allem erstmal ein Bewusstsein für dieses Privileg schaffen, so dass man sich fragt: Hätte ich die Wohnung auch bekommen, wenn ich anders aussähe? Oder diesen Job? Wäre ich mit anderer Hautfarbe vielleicht häufiger von der Polizei kontrolliert worden? Die Verpflichtung ist, bei sich selbst zu schauen: Wo verhalte ich mich rassistisch – auch ohne dass ich das direkt will? Wir sollten Rassismus bekämpfen, wann immer er uns auffällt. 

Eure Tour im vergangenen Jahr wurde aufgrund der Pandemie abgesagt – für Künstler*innen war 2020 ein herausforderndes Jahr. Hat es für euch dennoch etwas Gutes gehabt?

Wir waren die vergangenen acht Jahre immer unterwegs. Darum war es auch mal schön, so viel Zeit zuhause zu verbringen. Da hatte jeder mal Gelegenheit, sich um ein paar Sachen zu kümmern, die sonst immer aufgeschoben wurden. Letztendlich war es aber sehr schade um die schönen Konzerte, die wir nicht spielen konnten. Vielleicht klappt es ja 2021 doch wieder ...

Herzlichen Dank für das Interview!