Pestizide stoppen: Ehrenamtliche reist nach Südafrika

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Ihr Beitrag unterstützt zum Beispiel die politische Entwicklungsarbeit von Oxfams Partnerorganisation „Women on Farms Project“ in Südafrika, die für das Verbot von hochgiftigen Pestiziden auf Weinplantagen kämpft.

Gabriele Sarteh, eine Ehrenamtliche aus dem Oxfam Shop Bonn, hat in Südafrika zusammen mit der Oxfam-Mitarbeiterin Ulrike Langer und „Women on Farms Project“ Unterschriften für ein Verbot dieser Pestizide an das südafrikanische Arbeits- und Landwirtschaftsministerium übergeben. Die 29.302 Unterschriften wurden im Rahmen von Oxfams Kampagne „Gift auf Wein – das lass sein“ gesammelt – 80 Prozent davon in den Oxfam Shops.

Gabriele, meist Gaby genannt, schreibt in ihrem Reisetagebuch von ihren Erlebnissen und Eindrücken, die sie auf der Reise nach Südafrika gesammelt hat: Von der exklusiven Weinverkostung, wie sie Touristen erleben können, über den Blick hinter die Kulissen der Weinproduktion, der für einen bitteren Beigeschmack sorgt, bis hin zur Solidarisierung mit Arbeiterinnen, die für ihre Rechte kämpfen.

 

Tag 1: Sonntag, 25. August, Stellenbosch

Nach einer langen Anreise landete ich gemeinsam mit Ulrike Langer (vom Kampagnen-Team Oxfam Deutschland) Samstagabend in Kapstadt. Von dort aus wurden wir ins Simonsberg -Gästehaus nach Stellenbosch gebracht, wo die Herbergsmutter Elize Anthony uns herzlich begrüßte.

„Poor Community“ Smartie Town

Elize hat uns nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück angeboten, die nahegelegene Siedlung Smartie Town zu besuchen, wo viele sozial schwache Südafrikaner*innen leben. Elize nennt es „poor community“. Sie unterstützt die Bewohner*innen z.B. mit Essensspenden, Freizeitveranstaltungen für Kinder und dem Ausrichten von Feierlichkeiten.

In Smartie Town lernte ich Aunt Sophie kennen. Mehrere andere Besucher*innen begrüßten mich aufgeschlossen und freundlich. Sophie lud uns in ihr Haus ein, das zurzeit mit Unterstützung der Gemeinde komplett renoviert wird, worauf sie sehr stolz ist. Sie freut sich z.B. darauf, dass das Haus vier Fenster (und somit viel mehr Licht) haben wird. Vorher gab es nur ein Fenster.

In Smartie Town hat die Gemeinde dafür gesorgt, dass es inzwischen fließendes Wasser und einen funktionierenden Anschluss an die Kanalisation gibt. Sogar eine selbstorganisierte Kinderkrippe („creche“) mit einem kleinen Gemüsegarten wurde aus dem Boden gestampft und kommt allen zugute: Die Bewohner*innen von Smartie Town dürfen sich aus dem Garten versorgen.

Die Offenheit der Bewohner*innen hat mich sehr beeindruckt. Die spontane Herzlichkeit mit der wir eingeladen wurden, uns Sophies Haus anzuschauen, ist erstaunlich und in Deutschland nicht an der Tagesordnung.

Weinverkostung

Nachmittags fuhren wir in eine ganz andere Lebenswelt: Zur Weinverkostung auf das großzügige Weingut Lanzerac (nachdem wir auch das Weingut Beyerskloof besichtigt haben).

Wir bekamen eine Führung und erfuhren viel über die Weinherstellung. Die südafrikanischen Weine schmecken sehr gut, darum war die Verkostung ein Genuss.

Der ganze Tag war jedoch ein Wechselbad der Gefühle: Von der armen Smartie Town zum luxuriösen Weingut Lanzerac konnte es nicht gegensätzlicher sein. So wurden die verschiedenen Lebenswelten der Südafrikaner*innen, die hier scheinbar zum Alltag dazugehören, für mich schon am ersten Tag spür- und sichtbar.

 

Tag 2: Montag, 26. August, de Doorns und Wolseley

Der zweite Tag mit zwei Projektbesuchen von Women on Farms Project (WPF) war sehr intensiv und beeindruckend.

Vormittags war ich mit Colette Solomon, Roseline Engelbrecht und Bongeka Ntshweza von der Partnerorganisation WFP in de Doorns, wo ich einen regen Austausch mit den Farmarbeiter*innen hatte, die über WFP organisiert sind.

In der Gruppe der zwölf Frauen waren sämtliche Altersstufen vertreten: Von langjährigen Aktivistinnen bis hin zu ganz neuen Mitgliedern. Beeindruckend fand ich die Offenheit mit der viele Frauen ihre Probleme schilderten. Dabei ging es nicht nur um die Arbeitsbedingungen, sondern auch um das Leben in der Community von de Doorns.

Langjährige Aktivistinnen wie Auntie Ding (Magrieta Prins) haben sich ihre Wut auf die Ungleichbehandlung der Frauen durch die Farmbesitzer und auch Männer aus der Gemeinschaft erhalten. Diese Energie scheint sie nach wie vor anzutreiben, ihre persönliche Situation, die von anderen betroffenen Frauen und auch Männern (!) zu verbessern. Viele Frauen schlossen sich der Aussage von Auntie Ding an, dass sie von Women on Farms Project (z.B. durch Workshops) gelernt hätten, Rechte zu haben, für diese einzustehen und sie einzufordern. Dadurch haben sie keine Angst mehr – sei es vor den Farmbesitzern noch vor den Männern aus der Gemeinschaft.

Bemerkenswert fand ich die Erzählungen darüber, wie WFP das Leben vieler Frauen verändert hat. Eine Frau sagte: „Ich muss erst selbst wissen wer ich bin, bevor ich andere kennenlernen kann.“

Erste Erfolge

Ich bin beeindruckt von der Kraft und Vehemenz der Frauen, mit der sie die Veränderungen vorantreiben.

Inzwischen ist den Farmarbeiter*innen bewusst, wie gesundheitsschädigend der Einsatz von Pestiziden ist. Im Zuge dessen haben sie erfolgreich durchgesetzt, dass die lokale Klinik jeden Tag mit einem Arzt und zwei Pflegekräften besetzt ist. Was für ein großartiger Erfolg!

Sie haben außerdem erreicht, dass es in de Doorns auf allen Farmen Toiletten für die Arbeiter*innen gibt. Wenn Pestizide gesprüht werden, verlassen sie das Feld und arbeiten auf einem anderen Abschnitt weiter, wo zumindest nicht frisch bzw. während der Arbeit gesprüht wird. Trotzdem leiden viele der Frauen an chronischem Asthma und an Hautirritationen. Auch die Rate der Tuberkulose-Fälle ist angestiegen

 
Einige der Frauen, wie Aunt Bettie Fortuin, zeigten uns stolz ihre Gärten aus denen sie sich gut selbst versorgen können: Tomaten, Fenchel, Zwiebeln, Möhren, Kürbis, rote Bete, Erdbeeren, Petersilie und Knoblauch wachsen dort zum Beispiel. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in Aunt Bettie Fortuins Haus fuhren wir weiter nach Wolesley.

Wanderarbeiterinnen in Wolesley

Die Gruppe der zehn Frauen, die wir in Wolesley trafen, kommt größtenteils aus Lesotho, um Arbeit auf den Wein- und Fruchtfarmen zu finden. Eine Frau ist bereits seit 2002 dort, eine andere erst seit einem Jahr. Erschütternd war für mich, dass die Frauen hier die gleichen gesundheitlichen Probleme durch den Pestizideinsatz auf den Farmen haben, aber noch mehr unter der Ausgrenzung durch die anderen Farmarbeiter*innen leiden.

Hauptproblem ist, dass sie kein Afrikaans sprechen und es dadurch Missverständnisse gibt. Mein Eindruck ist, dass keine*r der Farmarbeiter*innen die Sprache der anderen lernen möchte. Eine sagte: „Die ‚coloured people‘ mögen uns nicht. Auf den Farmen dürfen wir uns nicht dorthin setzen, wo die ‚coloured people‘ sitzen, auch nicht wenn der Platz frei ist. Sie müssen die schweren Arbeiten machen, die die anderen Arbeiter*innen nicht machen wollen. Es sei denn sie bestechen den Vorarbeiter, z.B. durch den Kauf von Zigaretten.“

Linda Norman, die nicht aus Lesotho stammt, hatte ihr Haus für unser Treffen zur Verfügung gestellt und führte uns anschließend in ihren Gemüsegarten, aus dem sie sich normalerweise gut versorgen kann. Dieses Jahr hat der Frost viel zerstört, da die Netze zum Schutz der Pflanzen gestohlen wurden. Jetzt beginnt sie von Neuem.

 

Tag 3: Dienstag, 27. August, Büro Women on Farms Project und Gemüsegärten in Stellenbosch

Der Besuch im Büro von Women on Farms Project (WFP) war vollgepackt mit Informationen und vielen neuen Gesichtern. Colette Solomon, die Direktorin, gab mir einen Überblick über die Entwicklung der Organisation seit 1996 und sprach über den Zuwachs der Programme, die nach und nach entstanden sind.

WFP definiert sich als feministische NGO und schult ihre Aktivistinnen in vielen Bereichen, wie etwa in dem Anlegen von Gemüsegärten, in Gesundheitsbelangen, HIV-Prävention und Familienplanung. Jugendliche Jungen und Mädchen werden früh für Geschlechtergerechtigkeit sensibilisiert. Grundsätzlich sind alle Programme nach dem Motto aufgebaut, sich Wissen anzueignen, dieses Wissen zu teilen und es zu leben.

Die einzelnen Geschichten der Frauen haben mich berührt und teilweise erschüttert. Ich frage mich, woher die Frauen in diesen Lebensumständen ihre Kraft und Zuversicht nehmen, stetig daran zu arbeiten, ihre Situation positiv zu beeinflussen. Sie haben meine volle Bewunderung!

Ich habe das Gefühl, dass die hauptamtlichen Mitarbeiter*innen mit Herz und Seele hinter ihren Programmen stehen. Inzwischen werden auch ein- bis zweimal pro Jahr Männer in Workshops zu Geschlechterrollen und Gewaltprävention geschult. WFP hat seit 2009 im Northern Cape ein Zweitbüro mit zwei Mitarbeiter*innen aufgebaut.

Ich habe außerdem erfahren, dass WFP bereits zahlreiche illegale Vertreibungen verhindern konnte. Doch leider sind Vertreibungen von Farmarbeiter*innen an der Tagesordnung – und mit Gerichtsbeschluss sogar legal.

Gemüsegärten: eine wichtige Einnahme-Quelle

Nachmittags habe ich in der Umgebung von Stellenbosch zwei Farmen besucht.
Auf der ersten Farm hat Elizabeth Lieman, eine ehemalige Farmarbeiterin, einen großen Gemüsegarten angelegt aus dem sie sich und ihre Familie versorgen kann – inzwischen auch die Bewohner*innen aus ihrer Nachbarschaft.

Sie versucht auch Nachbarn dazu zu bewegen Gärten anzulegen, da es eine zusätzliche Einkommensquelle für die Familie sein kann und ihre Ernährung sichert.
Obwohl sie aus gesundheitlichen Gründen schon lange nicht mehr auf den Weinfeldern arbeiten kann, vertritt Elizabeth Lieman weiterhin die Belange von Women on Farms Project und wird auch morgen in Kapstadt bei der Übergabe der Unterschriften an die südafrikanische Regierung dabei sein.

Magrieta Arendse die wir auf der anderen Farm besuchten, kann aus gesundheitlichen Gründen schon seit 2002 nicht mehr in den Weinfeldern arbeiten. Sie hat einen Gemüsegarten angelegt, in dem sie überwiegend Melonen, Zwiebeln und Paprika anpflanzt. Daraus stellt sie Marmeladen und eingelegtes Gemüse her, das sie in ihrer Nachbarschaft verkauft.
Eine zusätzliche Einnahmequelle hat sie durch die Herstellung und den Verkauf von Taschen, Schmuck und Blumengestecken. Auch sie wird uns morgen nach Kapstadt begleiten und nutzt die Gelegenheit, um Material einzukaufen, um weitere Taschen und Ketten herzustellen. Eine Fahrt nach Kapstadt könnte sie sich sonst finanziell nicht leisten.

Es war wieder ein beeindruckender, informativer Tag. Es erstaunt mich, wie viel Kraft diese Frauen in der Gestaltung ihres Lebens aufbringen. Überwältigend ist auch, wie herzlich wir immer wieder begrüßt werden und dass die Frauen – ganz ohne Berührungsängste – von ihrem täglichen Leben erzählen.

 

Tag 4: Mittwoch, 28. August, Kapstadt

Mittwoch war ein großartiger Tag für uns und für die Farmarbeiter*innen und Aktivist*innen. Frühmorgens um 5 Uhr fuhren wir von Stellenbosch nach Kapstadt in ein Gemeindezentrum, wo der Treffpunkt für alle Aktivist*innen war. Zur Einstimmung und zum warm werden (es waren morgens gerade mal 4 Grad Celsius und die Häuser sind unbeheizt) wurde kräftig gesungen und getanzt.

Danach erzählten mehrere Farmarbeiterinnen ihre Geschichten über ihre gesundheitlichen Probleme durch die Pestizidbelastung, die auf den Farmen Alltag ist. Leslie Landon, ein Pestizidexperte von der University of Capetown, sprach über wissenschaftliche Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Auswirkungen der Pestizide. Er hielt den Vortrag auf Afrikaans und Englisch.

Anschließend zeigten Ulrike und ich eine Präsentation über die Kampagne „Gift auf Wein, das lass sein!“ mit vielen Fotos von Shop-Aktionstagen, Festivals und den Konzerten mit Jan Delay. Die Frauen waren sehr angetan und Aunt Bettie (Bettie Fortuin) aus de Doorns bedankte sich im Namen aller ganz herzlich für die Arbeit der Freiwilligen von Oxfam Deutschland.

David Esau, der Verantwortliche für Arbeitsinspektionen in der Kap-Region, sprach anschließend zu den Aktivistinnen und bestätigte, dass es Probleme bei der Anwendung von Pestiziden gibt und sein Ressort zu wenig Inspektoren hat um die Farmen zu kontrollieren. Das löste eine hitzige Reaktion bei den Farmarbeiter*innen aus.

Protestmarsch zum Parlament in Kapstadt

Nach einem kurzen Interview mit dem Reporter der südafrikanischen Cape Times fuhren wir zum Startpunkt des Protestmarsches an der Kaizergracht. Mit dabei war Rukia Cornelius, eine Kollegin von Oxfam Südafrika, die die Kampagne auch mittragen.

Nach anderthalb Stunden eines sehr lebhaften Protestmarsches, auf dem wir vorbeigehende Passant*innen ansprachen und Flyer verteilten, erreichten wir den Platz des Parlaments. Dort erwarteten uns Vertreter des Arbeitsministeriums und mehrere Journalist*innen.

Übergabe der Unterschriften

Einige Frauen, wie Louisa Warries und Elsa Lambrecht, erzählten den Vertretern ihre persönliche Geschichte über die Arbeitsbedingungen auf den Farmen und wie Pestizide ihre Gesundheit schädigen.

Danach überreichten Ulrike und ich die 29.302 Unterschriften aus Deutschland für ein Verbot hochgiftiger und gesundheitsschädlicher Pestizide an die Vertreter des Arbeits- und Landwirtschaftsministeriums – mit dem Appell, dass endlich erste Schritte unternommen werden, um die Gesundheit der Arbeiter*innen zu schützen und ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Zum Abschluss des Protestmarsches las Elsa Lambrecht aus de Doorns das Memorandum mit den Forderungen der Arbeiterinnen vor und überreichte es an das Ministerium.

Es war ein großartiger Tag für mich, den ich mit vielen enthusiastischen Frauen verbracht habe, die trotz ihrer traurigen Geschichten gerade und aufrecht für ihre Rechte kämpfen. Viva Women on Farms!

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